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Initiative Schreiben

Handschrift ist im Trend

Die Generation Smartphone liebt die Handschrift. Da sind Kinder und Jugendliche keine Ausnahme. Denn die klare Mehrheit der Bundesbürger will laut einer Studie des Reutlinger Pragma Instituts im Auftrag der „Initiative Schreiben“, dass wieder mehr von Hand geschrieben wird. Bei den jungen Menschen spielt dabei ein Wertewandel die maßgebliche Rolle, der sich in persönlicher Nähe, Individualität und Kreativität ausdrückt.

Die Befragungsergebnisse resultieren aus der Charakteristik der Generation Smartphone, der man an sich gern unterstellt, nur noch über Mobiltelefon und Tablet zu kommunizieren. Dabei lohnt sich ein genauer Blick aufs Leben der Heranwachsenden: Für sie ist persönliche Nähe zu Freunden und Familie wichtig. Dagegen wird Besitz z. B. eines Autos oder einer Wohnung eher abgelehnt – sie wollen sich frei und unbelastet bewegen ohne Rücksicht auf Verpflichtungen und feste Anbindung an Materielles. Im Alltag sind sie daher überwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Dieser freidenkerischen Haltung widersprechen bestimmte Schreibanlässe. Traditionelle Ereignisse sind für die nachrückende Generation nicht so wichtig, man lässt sich nicht gern in die Pflicht nehmen für die Weihnachtsgrüße oder Jubiläumswünsche. Aber: Es gibt einen eigenen Antrieb, zu persönlichen Anlässen von Freunden und Angehörigen Wertschätzung mit einer handgeschriebenen Karte, einem Brief o. ä. auszudrücken. Dabei wird das handschriftliche Schreiben selbst als Teil der eigenen Kreativität angesehen.

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"Es wäre schlecht, wenn unsere Kinder in der Grundschule keine Schreibschrift mehr, sondern nur Druckbuchstaben lernen würden"
Allein diese Aspekte bestätigen schon die Ziele, die sich die noch junge Initiative Schreiben angesichts der Herausforderungen des Digitalzeitalters auf die Fahne geschrieben hat: die Förderung der Schreibkompetenz und der Handschrift. Schreiben soll als Abenteuer erlebt werden. Damit sticht die Initiative in ein angenehmes Wespennest von Phänomenen wie der Gruppe namens Tintenpoeten, die Briefe und Karten in der Fußgängerzone verteilen und auffordern: Schreib mal wieder! Eine Guerilla-Aktivität, die selbst initiiert ist, ohne kommerziellen Auftrag, aber gern mit Unterstützung durch Material von Industrie und Handel. Solche Projekte bestätigen die Haltung der Teens und Twens – sowohl Kreativität und Individualität als auch Zusammenhalt sind von Bedeutung.

„Branche in der Pflicht“

Nicht nur aufgrund der Pragma-Studie, sondern aus generellem Engagement für die Sache arbeitet die Initiative Schreiben derzeit daran, Schreibclubs in so vielen Städten wie möglich zu gründen. Überall dort, wo ein Club entsteht, soll ein Programm rund um die Handschrift stattfinden wie Schul-Aktionen mit spielerischem Training der Ausdrucksfähigkeit bei den Kleineren, Medien-Kooperationen und öffentliche Events wie Guerilla-Aktionen oder Besuche in Einrichtungen, wo dazu animiert wird, mal wieder eine Karte oder einen Brief zu schreiben. Auch Workshops sollen angeboten werden – z. B. Kurse, in denen Unsichere Tipps bekommen für einen gut geschriebenen Brief oder dazu, wie man das Notizbuch für Einträge und Gimmicks optimal und kreativ nutzen kann. Schreibschrift als Kulturgut treibt schon eine Weile ihre Blüten. So basieren auch Geschäftsideen darauf wie die der Schreibstatt in Berlin, die ein Kalligraphen-Team beschäftigt, das im Kundenauftrag handschriftliche Einladungen, Briefe zur Neukundenakquise, Geburtstagskarten und vieles mehr erstellt.

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"Handgeschriebenes ist von besonderem Wert"
Das Programm der Initiative Schreiben will Begeisterung wecken für die Handschrift – die Freude am Schreiben mit der eigenen Hand verbindet Körper und Geist in einzigartiger Weise. Und sie soll für die Menschen neu erfahrbar werden als Quelle der Kreativität und Inspiration, als authentisches Zeichen menschlicher Nähe und Verbundenheit. Die Initiative ist als offene, langfristige Kampagne angelegt, auch in Österreich und der Schweiz. Gemeinsam mit ihren Partnern wollen die Mitglieder des Vereins die Handschrift als gesellschaftliches Projekt
fördern. Zugleich will die Initiative alle Menschen gewinnen, denen die Handschrift am Herzen liegt. Die Organisation versteht sich als Werte-Gemeinschaft und will viele Unterstützer versammeln – aus allen Bereichen und über alle Altersgrenzen hinweg. Aber besonders diejenigen, die im PBS-Bereich professionell tätig sind, sieht Reiner App in der Pflicht: „Gerade jetzt, wo Schreiben in der Generation Smartphone angesagt ist und Handschriftliches aus dem eigenen Lebensgefühl der jungen Menschen heraus eine große Wertigkeit hat, kann die Branche ihre große Chance nutzen.“ Der Geschäftsführer des Pragma Instituts ist überzeugt, dass der Wandel hin zu Emotionalität und Freiheitsdrang in der jungen Generation begleitet werden muss: „Da muss sich die Branche neu positionieren und den jungen Kundenkreis da abholen, wo er ist. Jedem muss klar sein, dass das reine Verkaufen von Produkten kein Geschäftsmodell der Zukunft mehr ist, vielmehr geht es um die Verknüpfung mit den Werten, über die sich die Generation Smartphone definiert.“

Gesellschaftlicher Zuspruch

Mit den Ergebnissen der Pragma-Studie sieht sich die Initiative Schreiben in ihrem Engagement bestätigt. In der Untersuchung hat das Meinungsforschungsinstitut im Jahr 2013 insgesamt 1017 Personen über 16 Jahren in ganz Deutschland befragt. Handschriftliches Schreiben steht mitten in Zeiten der digitalen Kommunikation vor einer Renaissance. Die Handschrift wird in Deutschland zutiefst wertgeschätzt, und sie hat im digitalen Zeitalter ein hohes Zukunftspotenzial. Die Meinung, dass Tastatur und Touchscreen auf Dauer zu einseitig sind und die Gesellschaft deutlich mehr Handschrift braucht, vertreten laut der Studie aufgrund des Wertewandels bei den Jüngeren keineswegs nur ältere Befragte. Im Durchschnitt der Bevölkerung stimmen 89 % sehr oder eher der Aussage zu: „Handgeschriebenes ist von besonderem Wert“. Bei den 16- bis 30-Jährigen sind dies sogar 91 %. Auch bei der Forderung nach einem verstärkten Einsatz liegen die jungen Smartphone- und Internet-Nutzer vorn: 71 % dieser Gruppe wollen, dass künftig die Handschrift vermehrt vertreten sein soll. Bei traditionelleren und passiveren Befragten sind es nur 69 %. Am stärksten favorisieren die stark in der Gesellschaft engagierten Multiplikatoren die vermehrte Verwendung der Handschrift (78 %).

Mit großen Bedenken blicken die Bundesbürger dagegen auf Pläne, in den Schulen die Schreibschrift abzuschaffen. 79 % der Befragten stimmen laut der Pragma-Studie sehr oder eher der Aussage zu: „Es wäre schlecht, wenn unsere Kinder in der Grundschule keine Schreibschrift mehr, sondern nur noch Druckbuchstaben lernen würden.“ Bei den Frauen erreicht die Ablehnung entsprechender Vorhaben sogar 83 %. In der Handschrift, schlussfolgert die Studie, steckt also enormes Potenzial an gesellschaftlichem Interesse und Zuspruch – es zu aktivieren hat sich die Initiative Schreiben zum Ziel gesetzt. Dazu die Vorsitzende Stefanie Hanfstingl-Kariger: „Es ist unsere gesellschaftliche Verpflichtung und Mission, den Menschen die Freude an der Handschrift zurückzugeben.“

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